1000 Kommentare auf dem Blog

Danke, dass Ihr die Persönlichkeitsstörung Psychopathie zu einem Thema macht!

Veröffentlicht unter Psychopathie | Verschlagwortet mit , , , | 6 Kommentare

Was ist Missbrauch?

Emotionaler, verbaler und psychologischer Missbrauch; Häusliche Gewalt, Gewalt in der Familie und in der Ehe

von Sam Vaknin

Originaltitel: „What is Abuse? – Emotional, Verbal, and Psychological Abuse, Domestic and Family Violence and Spousal Abuse“ (samvak.tripod.com/abuse.html)

Sam Vaknin ist nicht unumstritten. Die Dokumentation „Ich bin ein Psychopath“ handelt von ihm. Ich halte seine Informationen aber für sehr gut. Er veröffentlicht viel zu den Themen Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Psychopathie und Missbrauch in Beziehungen.

Die (professionelle) Übersetzung wird dem englischen Original leider nicht ganz gerecht.

***

Gewalt im Familienkreis ist häufig die Folge anderer Formen eines subtileren und langfristigen Missbrauchs – sei es verbal, emotional, psychologisch, sexuell oder finanziell.

Missbrauch steht in einem engen Zusammenhang mit Alkoholsucht, Drogenkonsum, Tötung des eigenen Intimpartners, Schwangerschaften bei Minderjährigen, Säuglings- und Kindersterblichkeit, spontanen Fehlgeburten, rücksichtslosem Verhalten, Selbstmord sowie dem Auftreten psychischer und/oder geistiger Störungen.

Die meisten Missbrauchstäter und Schläger sind Männer, wenngleich eine erhebliche Minderheit der Fälle auch auf das Konto von Frauen geht. Nachdem das Thema Missbrauch häufig als ein „Frauenproblem“ bezeichnet wird, wurde es über Generationen hinweg unter den Teppich gekehrt und ist erst vor kurzem so richtig in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit vorgedrungen. Aber selbst heute gehen diese Probleme der häuslichen Gewalt und des Missbrauchs im Familienkreis größtenteils an der Gesellschaft vorüber, wie beispielsweise bei Verfahren vor Gericht sowie im Rahmen der psychosozialen Gesundheitssysteme. So wird bei den Opfern ein Gefühl von Scham und Schuld hervorgerufen, während die Rolle der Missbrauchstäter hingegen „legitimiert“ wird.

Gewalt im Familienkreis geht in den meisten Fällen vom eigenen Ehepartner aus – einer der Eheleute schlägt oder vergewaltigt den Partner, fügt ihm anderweitig körperliche Schäden zu oder quält den anderen. Doch selbst Kinder sind ebenfalls und auch häufig Opfer – sei es direkt oder indirekt. Mit zu den weiteren verletzlichen familiären Gruppen zählen wiederum alte sowie behinderte Menschen.

Missbrauch und Gewalt treten über geographische und kulturelle Grenzen hinweg auf und überschreiten sowohl gesellschaftliche als auch wirtschaftliche Schichten. Unter den Reichen und den Armen, den höher Gebildeten und denjenigen mit einem niedrigeren Bildungsniveau, den Jungen und den Älteren, den Städtern sowie der ländlichen Bevölkerung sind sie gleichermaßen weit verbreitet. Es handelt sich somit um ein universelles Phänomen.

Missbrauchstäter benutzen, belügen, beleidigen, erniedrigen, ignorieren (die sogenannte „stille Behandlung“; im Englischen genannt „silent treatment“), manipulieren und kontrollieren Andere.

Es gibt zahlreiche Wege, jemand anderen zu missbrauchen. Auch jemanden zu sehr zu lieben, ist eine Art Missbrauch. Das Ganze ist gleichbedeutend, wie wenn man jemanden wie ein Anhängsel, einen Gegenstand oder ein Instrument zur eigenen Genugtuung behandeln würde. Überfürsorglich zu sein, die Privatsphäre eines Anderen nicht zu respektieren, brutal ehrlich zu sein, eine sadistische Art von Humor an den Tag zu legen, oder einfach nur konsequent taktlos zu handeln – diese Verhaltensweisen sind als Missbrauch zu bezeichnen.

Zu viel von Anderen zu erwarten, andere Personen zu verunglimpfen, sie zu missachten – all das sind Formen des Missbrauchs. Es gibt körperlichen Missbrauch, verbalen Missbrauch, psychologischen Missbrauch, sexuellen Missbrauch. Die Liste ist wahrlich lang. Die meisten Missbrauchstäter missbrauchen ihre Opfer auf eine heimlich-betrügerische Art und Weise. Sie sind praktisch „verdeckte Missbrauchstäter“. Man muss quasi erst tatsächlich mit einer solchen Person zusammenleben, um den Missbrauch richtig wahrzunehmen.

Missbrauch lässt sich in vier große Kategorien einteilen:

I. Unverhohlener Missbrauch

Der offene und eindeutige Missbrauch einer anderen Person. Bedrohen, Nötigen, Schlagen, Belügen, Beschimpfen, Erniedrigen, Bestrafen, Beleidigen, Demütigen, Ausnutzen, Ignorieren („stille Behandlung“), Abwerten, ungezwungenes Ausgrenzen, verbaler Missbrauch, körperlicher Missbrauch und sexueller Missbrauch sind allesamt Formen eines unverhohlenen Missbrauchs.

II. Verdeckter oder kontrollierender Missbrauch

Missbrauch geschieht nahezu ausschließlich über Kontrolle. Häufig ist es eine primitive und unreife Reaktion auf die eigenen Lebensumstände, in denen der Missbrauchstäter (in der Regel in seiner Kindheit) seinem Schicksal hilflos ausgeliefert worden ist. Es geht darum, die eigene Identität wieder zur Geltung zu bringen, die eigene Berechenbarkeit wieder herzustellen, sein Umfeld zu beherrschen – sei es aus menschlicher oder körperlicher Sicht.

Die Vielzahl an Formen eines missbräuchlichen Verhaltens können auf diese panikartige Reaktion auf das entfernte Potenzial des Kontrollverlusts zurückgeführt werden. Viele Missbrauchstäter sind Hypochonder (und schwierige Patienten), da sie Angst davor haben, die Kontrolle über ihren eigenen Körper, dessen Aussehen und sein reibungsloses Funktionieren zu verlieren. Sie sind zwanghaft verhaltensgestört, wenn sie alles in ihrer Macht Stehende versuchen, ihr physisches Lebensumfeld zu unterwerfen und es vorhersehbar zu machen. Sie verfolgen andere Menschen und belästigen sie, indem sie versuchen, „ihnen nahe zu sein“ – eine weitere Form des Missbrauchs.

In der Welt des Missbrauchstäters selbst existiert nichts um ihn herum. Bedeutende Andere sind für ihn eine Art Anschluss, interne, integrierte Objekte – keine externen Personen. Aus diesem Grund lässt sich auch der Verlust der Kontrolle über eine bedeutende andere Person mit dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Gliedmaße oder über das eigene Gehirn vergleichen. Das Ganze ist erschreckend.

Selbstständige oder ungehorsame Menschen machen dem Missbrauchstäter deutlich, dass etwas in seiner Weltanschauung schief läuft, dass er selbst nicht den Mittelpunkt der Welt oder deren Ursache darstellt und dass er das, was für ihn selbst interne Repräsentationen darstellt, nicht kontrollieren kann.

Für den Missbrauchstäter bedeutet ein Kontrollverlust praktisch, dass er verrückt wird. Grund hierfür ist, dass andere Menschen im Kopf des Missbrauchstäters reine Elemente darstellen – nicht in der Lage zu sein, sie zu manipulieren, bedeutet praktisch, sie (in seinem Kopf) zu verlieren. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden urplötzlich herausfinden, dass Sie ihre Erinnerungen nicht beeinflussen oder Ihre Gedanken nicht kontrollieren können… Ein wahrer Albtraum!

Bei seinen fanatischen Anstrengungen, diese Kontrolle wiederzuerlangen bzw. sie wieder wirksam ausüben zu können, greift der Missbrauchstäter auf eine Unzahl an teuflisch erfinderischen Strategien und Mechanismen zurück. Hier eine unvollständige Liste:

Unberechenbarkeit und Ungewissheit (zeitweilige Verstärkung)

Der Missbrauchstäter handelt auf eine unberechenbare, launenhafte, inkonsequente und irrationale Art und Weise. Diese Verhaltensweise dient ihm dazu, Andere vom nächsten Schritt und Tritt des Missbrauchstäters, von seiner nächsten unerklärlichen Laune, von seinem nächsten Gefühlsausbruch, einem Ablehnen oder Lächeln abhängig zu machen.

Der Missbrauchstäter stellt so sicher, dass ER das einzige verlässliche Element im Leben seiner Nächsten und Liebsten ist, indem er den Rest ihrer Welt durch sein scheinbar wahnsinniges Verhalten erschüttert. Er schreibt praktische seine stabile Präsenz auf ewig in deren Leben fest – indem er ihre eigene Präsenz destabilisiert.

TIPP

Lassen Sie ein solches Verhalten nicht durchgehen. Bitten Sie um vernünftige vorhersehbare und rationale Handlungen und Reaktionen. Bestehen Sie darauf, in Bezug auf Ihre Grenzen, Vorlieben, Präferenzen und Prioritäten Respekt entgegengebracht zu bekommen.

Unverhältnismäßige Reaktionen

Eines der beliebtesten Manipulationswerkzeuge im Arsenal des Missbrauchstäters ist die Unverhältnismäßigkeit seiner Reaktionen. Auf die kleinste Kränkung reagiert er mit den heftigsten Wutausbrüchen. Beziehungsweise würde er Andere für das, was seiner Ansicht nach einen Angriff gegen ihn selbst darstellt, heftigst bestrafen – ungeachtet dessen, wie geringfügig ein solches Vergehen auch immer sein mag. Oder er würde bei jeder Uneinigkeit oder Meinungsverschiedenheit einen heftigen Trotzanfall bekommen, wenngleich dieser mitunter gar freundlich und entgegenkommend zum Ausdruck gebracht sein sollte. Oder aber, er würde ein übermäßig aufmerksames, charmantes und verlockendes Verhalten an den Tag legen (wenn auch gegebenenfalls übermäßig stark sexuell gesteuert).

Diese sich ständig wechselnde Verhaltensweise sowie die ungewöhnlich harten und willkürlich angewandten Bestrafungen sind vorsätzlich geplant. Die Opfer wiederum werden im Dunkeln belassen. Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit, die – seitens des Missbrauchstäters – an der Quelle der „Gerechtigkeit“ ausgeteilt werden, sowie das darauf folgende Urteil werden somit gewährleistet.

TIPP

Fordern Sie eine gerechte und verhältnismäßige Behandlung. Lehnen Sie ein ungerechtes und kapriziöses Verhalten ab bzw. reagieren Sie nicht auf eine solche Verhaltensweise.

Stehen Sie wiederum vor der unvermeidlichen Konfrontation, dann handeln Sie sachlich. Zahlen Sie es ihm mit gleicher Münze heim.

Entmenschlichung und Objektivierung (Missbrauch)

Menschen müssen sich auf die empathischen Fähigkeiten und auf die grundsätzliche Gutherzigkeit anderer Menschen verlassen können. Durch die Entmenschlichung und Degradierung Anderer zu Objekten greift der Missbrauchstäter die fundamentalen Grundfeste menschlicher Interaktionen an. Man spricht in diesem Fall vom sogenannten „fremdartigen“ Aspekt der Missbrauchstäter. Sie können zwar ausgezeichnete Imitationen umfassend ausgebildeter Erwachsener sein, doch emotional gesehen sind sie abwesend und unreif.

Missbrauch ist so scheußlich, so phantasmagorisch, dass die Menschen vor einem solchen Terror zurückschrecken. Doch genau in diesem Moment, wenn ihre eigenen Abwehrkräfte vollkommen am Boden sind, dann sind sie auch am verletzlichsten und der Kontrolle des Missbrauchstäters hilflos ausgeliefert. Körperlicher, psychologischer, verbaler und sexueller Missbrauch – all das sind Formen einer Entmenschlichung und Objektivierung.

TIPP

Zeigen Sie gegenüber Ihrem Missbrauchstäter niemals, dass Sie Angst vor ihm haben. Führen Sie keine Verhandlungen mit Tyrannen. Diese sind unersättlich. Lassen Sie sich von Erpressungen nicht unterkriegen.

Und wenn die Dinger gar aus dem Ruder zu laufen scheinen, schalten Sie Polizeibeamte ein, wenden Sie sich an Freunde und Kollegen oder drohen Sie ihm (mit rechtlichen Schritten).

Behandeln Sie Ihren Missbrauchsfall nicht wie ein Geheimnis. Heimlichkeiten sind die Waffe eines jeden Missbrauchstäters.

Geben Sie ihm niemals eine zweite Chance. Reagieren Sie auf die erste Verfehlung mit Ihrem gesamten Arsenal.

Informationsmissbrauch

Ab dem ersten Moment, in dem der Missbrauchstäter mit einer anderen Person zusammentrifft, verhält er sich wie auf der Lauer. Er sammelt Informationen. Je mehr er über sein potentielles Opfer weiß, desto einfacher ist es ihm möglich, es unter Druck zu setzen, zu manipulieren, zu bezirzen, zu erpressen oder es „zur Ursache“ zu machen. Der Missbrauchstäter zögert nicht davor, die von ihm zusammengetragenen Informationen zu missbrauchen – ungeachtet ihrer vertraulichen Natur bzw. der Umstände, in denen er in ihren Besitz gelangt ist. Diese Form des Missbrauchs ist ein mächtiges Werkzeug in seiner Waffensammlung.

TIPP

Seien Sie auf der Hut. Seien Sie bei einem ersten oder zufälligen Treffen nicht zu entgegenkommend. Holen Sie Auskünfte ein.

Seien Sie Sie selbst. Stellen Sie Ihre Wünsche, Grenzen, Vorzüge, Prioritäten und ‚roten Linien‘ nicht falsch dar.

Verhalten Sie sich nicht widersprüchlich. Rudern Sie nicht zurück. Seien Sie bestimmt und resolut.

Unmögliche Situationen

Der Missbrauchstäter schafft unmögliche, gefährliche, unvorhersehbare, noch nie dagewesene oder gar höchst spezielle Situationen, in denen er dann dringend gebraucht wird. Der Missbrauchstäter stellt sicher, dass sein Wissen, seine Fertigkeiten, seine Beziehungen oder seine Eigenschaften in den Situationen, die er selbst geschaffen hat, die einzig geltenden und die zweckdienlichsten sind. Der Missbrauchstäter sorgt für seine eigene Unentbehrlichkeit.

TIPP

Halten Sie sich von solchen Schlamasseln fern. Hinterfragen Sie jedes Angebot und jeden Vorschlag aufs Genaueste – egal, wie unverfänglich es bzw. er auch immer sein mag.

Legen Sie sich einen Notfallplan zurecht. Informieren Sie Andere durchwegs über Ihr Verbleiben und halten Sie sie über Ihre Lage auf dem Laufenden.

Seien Sie wachsam und zweifelnd. Seien Sie weder leichtgläubig noch beeinflussbar. Vorsicht ist besser als Nachsicht!

III. Kontrolle und Missbrauch durch Stellvertreter

Wenn alle Stränge reißen, setzt der Missbrauchstäter auf Freunde, Kollegen, Partner, Familienmitglieder, die Behörden, Institutionen, Nachbarn, die Medien, Lehrer und Ausbilder – kurzum: Dritte –, um seine Angebote an den Mann oder die Frau zu bringen. Er benutzt diese Stellvertreter, um Andere zu überreden, unter Druck zu setzen, zu bedrohen, zu verfolgen, um sich anzubiedern, sich zurückzuziehen, um Andere zu verlocken, zu überzeugen, zu schikanieren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen oder um sein Ziel anderweitig zu manipulieren. Er kontrolliert diese unwissenden Instrumente genau so, wie er es auch hinsichtlich der Kontrolle seiner letztendlichen Beute vorhat. Er verwendet dieselben Mechanismen und Hilfsmittel. Und wenn ihre Arbeit erst einmal erledigt ist, lässt er seine Stützen einfach kurzerhand wieder fallen.

Eine andere Form der Kontrolle durch einen Stellvertreter ist die Schaffung von Situationen, in denen einer anderen Person Missbrauch zugefügt wird. Solche sorgfältig gestalteten Szenarien der Verlegenheit und Erniedrigung münden für das Opfer in gesellschaftliche Sanktionen (Verurteilung, Schmach und Schande oder gar körperliche Bestrafung). Die Gesellschaft – bzw. eine gesellschaftliche Gruppe – wird somit zu einem Instrument des Missbrauchstäters.

TIPP

Häufig sind sich die Stellvertreter des Missbrauchstäters ihrer Rolle gar nicht bewusst. Entlarven Sie ihn. Informieren Sie sie. Machen Sie ihnen deutlich, auf welche Art und Weise sie seitens des Missbrauchstäters missbraucht, ausgenutzt bzw. universell eingesetzt werden.

Stellen Sie Ihrem Missbrauchstäter eine Falle. Behandeln Sie ihn so, wie er Sie behandelt. Bringen Sie Andere mit ins Spiel. Bringen Sie seine Verhaltensweisen ans Licht. Nichts ist so effizient wie die richtige Bühne, um Missbrauch den Gar auszumachen.

[im Original: „Often the abuser’s proxies are unaware of their role. Expose him. Inform them. Demonstrate to them how they are being abused, misused, and plain used by the abuser. Trap your abuser. Treat him as he treats you. Involve others. Bring it into the open. Nothing like sunshine to disinfest abuse.“]

IV. Missbrauch durch das nahe Umfeld (im Original: „Ambient Abuse“) und Psychoterror (im Original: „Gaslighting“)

Die Unterstützung, Verbreitung und Förderung einer Atmosphäre der Angst, Einschüchterung, Instabilität, Unvorhersehbarkeit und Irritation. Es kommt weder zu Handlungen im Rahmen eines rückverfolgbaren offensichtlichen Missbrauchs noch zu einer etwaigen manipulativen Ausübung von Kontrolle. Dennoch bleibt das belastende Gefühl, eine unangenehme Vorahnung, ein schlechtes Vorgefühl, ein böses Omen. Dieser Zustand wird mitunter auch als „Psychoterror“ bezeichnet.

Langfristig gesehen nagt ein solches Umfeld am Selbstwertgefühl sowie an der Selbstachtung des Opfers. Sein Selbstvertrauen wird zutiefst erschüttert. In vielen Fällen nimmt das Opfer eine paranoide oder schizoide Haltung ein und sorgt somit selbst dafür, dass es Kritik und Urteilen noch ungeschützter ausgesetzt ist. Die Rollen werden somit ins Gegenteil verkehrt: Das Opfer wird als geistig umnachtet angesehen, und der Missbrauchstäter – ja, der ist die leidende Seele.

TIPP

Laufen Sie! Bringen Sie sich in Sicherheit! Missbrauch durch das nahe Umfeld mündet häufig in einen unverhohlenen und gewalttätigen Missbrauch.

Sie sind niemandem eine Erklärung schuldig – aber Sie schulden sich selbst ein schönes Leben. Wagen Sie den Absprung!

ANHANG: Klassifizierung missbräuchlicher Verhaltensweisen

Eine missbräuchliche Verhaltensweise ist kein einheitliches, homogenes Phänomen. Es rührt und geht aus zahlreichen Ursachen hervor und äußerst sich in einer Vielzahl von Wegen. Weiter unten finden sich ein paar wenige nützliche Unterscheidungsmerkmale das Thema Missbrauch betreffend, die als veranschaulichende, taxonomische Prinzipien (dimensionale Typologien) in einer Art Matrix dienen könnten.

1. Unverhohlener gegen verdeckter Missbrauch

Unverhohlener Missbrauch ist der offene und eindeutige, leicht erkennbare, klar ausmachbare Missbrauch einer anderen Person in irgendeiner Art und Weise, Ausprägung oder Form (verbal, körperlich, sexuell, finanziell, psychologisch-emotional usw.).

Verdeckter Missbrauch dreht sich um das Bedürfnis des Missbrauchstäters, Kontrolle über sein Opfer auszuüben und diese Kontrolle auch aufrechtzuerhalten. Er kann sich in vielerlei Formen äußern, welche jedoch nicht allesamt augenscheinlich, unmissverständlich und unzweideutig sind.

2. Eindeutiger gegen verdeckter Missbrauch bzw. Missbrauch aus dem nahen Umfeld (Psychoterror)

Eine nützlichere Unterscheidung lässt sich daher zwischen dem ausdrücklichen Missbrauch (offenkundiger, offensichtlicher, unbestreitbarer, selbst von einem zufälligen Augenzeugen oder Gesprächspartner leicht beobachtbarer Missbrauch) und dem verdeckten Missbrauch (bzw. Missbrauch aus dem nahen Umfeld) – auch unter dem Begriff ‚Psychoterror‘ bekannt – vornehmen. Hierbei handelt es sich um die Unterstützung, Verbreitung und Förderung einer Atmosphäre der Angst, Einschüchterung, Instabilität, Unvorhersehbarkeit und Irritation. Es kommt weder zu Handlungen im Rahmen eines rückverfolgbaren offensichtlichen Missbrauchs noch zu einer etwaigen manipulativen Ausübung von Kontrolle.

3. Projektiver gegen gerichteter Missbrauch

Der projektive Missbrauch ist das Ergebnis des seitens des Missbrauchstäters projizierten Abwehrmechanismus. Von Projektion spricht man dann, wenn der Missbrauchstäter anderen Personen Gefühle und Eigenschaften zuschreibt und Motive zurechnet, die eigentlich er selbst besitzt, allerdings für inakzeptabel, Unbehagen bereitend und unpassend erachtet. Auf diese Art und Weise verleugnet er eben jene disharmonischen Merkmale und sichert sich das Recht zu, Andere dafür zu kritisieren und zu bestrafen, dass sie solche Eigenschaften besitzen oder zur Schau tragen. Ein solcher Missbrauch gilt häufig als kathartisch (siehe das nächste Kategorienpaar).

Der direktionale Missbrauch ist nicht das Ergebnis einer Projektion. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Reihe an Verhaltensweisen gegenüber einem Ziel (dem Opfer) zum Zwecke der Erniedrigung, Bestrafung oder Manipulierung desselben. Ein solches missbräuchliches Verhalten ist funktional. Mit ihm wird das Ziel der Sicherstellung eines günstigen und gewünschten Ergebnisses verfolgt.

4. Kathartischer gegen funktionaler Missbrauch

Während sich Paar Nummer (3) weiter oben um die psychodynamischen Wurzeln des Fehlverhaltens des Missbrauchstäters dreht, geht es beim aktuellen Kategorienpaar um die Konsequenzen des Ganzen. Manche Missbrauchstäter handeln auf eben diese Art und Weise, weil dadurch ihre Ängste abgebaut werden; weil ihr überhöhtes, grandioses Selbstbild verbessert wird; oder weil dadurch „Unreinheiten“ und Unvollkommenheiten beseitigt werden, die sie entweder bei dem Opfer oder in der jeweiligen Situation (z. B. im Rahmen ihrer Ehe) wahrnehmen. Somit ist ein solcher Missbrauch gewissermaßen kathartisch: Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass sich der Missbrauchstäter besser fühlt. Der projektive Missbrauch ist beispielsweise immer kathartisch.

Ein anderer Grund dafür, jemand anderen zu missbrauchen, ist der, dass der Missbrauchstäter sein Opfer dazu motivieren möchte, etwas Bestimmtes zu tun, sich auf eine gewisse Art und Weise zu fühlen oder davon abzusehen, eine bestimmte Handlung vorzunehmen. Es handelt sich hierbei insofern um einen funktionalen Missbrauch, als dass es dem Missbrauchstäter dadurch leichter gemacht wird, sich an sein Umfeld anzupassen und darin zu agieren –wenn auch dysfunktional.

5. Musterhafter (oder strukturierter) gegen stochastischer (oder willkürlicher) Missbrauch

Manche Missbrauchstäter überhäufen alle um sich herum rund um die Uhr mit missbräuchlichen Verhaltensweisen: Ehepartner, Kinder, Nachbarn, Freunde, Vorgesetzte, Kollegen, Autoritätspersonen und Untergebene. Ein missbräuchliches Verhalten ist die einzige Möglichkeit, die sie kennen, wie sich auf eine Welt reagieren lässt, die sie selbst als feindselig und ausbeuterisch wahrnehmen. Ihre Verhaltensweisen sind „fest angelegt“, steif, ritualisiert und strukturiert.

Andere Missbrauchstäter wiederum sind weniger vorhersehbar. Sie sind explosiv und impulsiv. Sie haben ein Problem damit, ihren Zorn unter Kontrolle zu behalten. Sie reagieren auf narzisstische Beleidigungen sowie tatsächliche und eingebildete Kränkungen mit Wut- und Trotzanfällen (Bezugsideen). Diese Missbrauchstäter scheinen „aus heiterem Himmel“, auf eine chaotische und willkürliche Art und Weise zuzuschlagen.

6. Monovalenter gegen polyvalenter Missbrauch

Der monovalente Missbrauchstäter missbraucht immer nur ein Opfer, dies dann jedoch wiederholt, tückisch und sorgfältig durchdacht. Solche Missbrauchstäter begehen ihre Taten an klar festgelegten Orten bzw. in einem genau abgegrenzten Rahmen (z. B. im eigenen Zuhause oder am Arbeitsplatz). Sie wenden große Sorgfalt dabei auf, ihre widerlichen Missbrauchstaten zu verbergen, und legen in der Öffentlichkeit ein sozialverträgliches Auftreten (oder vielmehr eine Fassade) an den Tag. Angetrieben werden sie dabei von dem Bedürfnis, das Objekt ihrer schlechten Behandlung bzw. die Quelle ihrer Frustration und ihrer krankhaften Missgunst zu zerstören.

Im Gegenzug dazu spannt der polyvalente Missbrauchstäter sein Netz großflächig und umfassend aus und bringt bei der Auswahl seiner Beute keine „diskriminierende“ Verhaltensweise ans Tageslicht. Er ist vielmehr ein „Missbrauchstäter der Chancengleichheit“ und hat zahlreiche Opfer, die häufig nur wenig miteinander gemeinsam haben. Er macht sich selten Gedanken um Äußerlichkeiten und sieht sich selbst als über dem Gesetz stehend. Er hat für jeden – und ganz besonders für Autoritätspersonen – nur Verachtung übrig. In der Regel ist er antisozial (psychopathisch) und narzisstisch.

7. Charakteristischer (persönlicher Stil) gegen atypischer Missbrauch

Diese Form des Missbrauchs lässt sich auf den persönlichen Stil der meisten musterhaften bzw. strukturierten Missbrauchstäter zurückführen (siehe Punkt 5 weiter oben). Ein erniedrigendes, verletzendes, demütigendes und offensives Verhalten ist ihr Modus Operandi, ihre reflexive Reaktion auf Reize und deren Credo. Stochastische bzw. willkürliche Missbrauchstäter handeln in den meisten Fällen normativ und „normal“. Ihr missbräuchliches Verhalten ist eine Anomalie, eine Abweichung, und wird von ihren Nächsten und Liebsten als atypisch und sogar schockierend wahrgenommen.

8. Normativer gegen abweichender Missbrauch.

Wir alle üben von Zeit zu Zeit Missbrauch auf Andere aus. Manch missbräuchliche Reaktionen liegen noch innerhalb der gesellschaftlichen Normen und werden weder als indikativ oder als eine persönliche gesundheitliche Störung noch als eine soziokulturelle Anomie erachtet. Unter bestimmten Umständen wird Missbrauch als eine bestimmte Reaktion sogar verlangt und gilt als gesund und sozial anerkennenswert.

Dennoch sollte die große Mehrheit der missbräuchlichen Verhaltensweisen als ein abweichendes, krankhaftes, antisoziales und perverses Verhalten betrachtet werden.

Wichtig dabei ist, zwischen normativem und abweichendem Missbrauch zu unterscheiden. Ein vollständiges Fehlen von Aggression ist genauso ungesund wie ein Zuviel. Einen kritischen Faktor bei der Beurteilung dahingehend, ob jemand gerade die Grenze überschreitet und zu einem Missbrauchstäter wird, spielt auch der kulturelle Kontext.

Schreib mir deine Meinung. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

(Bitte schreibt hier nur Kommentare, die eine Verbindung zu obigem Artikel haben. Für andere Kommentare steht Euch das „Forum“ offen.)

Veröffentlicht unter Missbrauch, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Psychopathie, Sadismus | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 26 Kommentare

Porträt eines Soziopathen

Autorin: „ME“ (M. E. Thomas). ME ist Autorin des Blogs „sociopathworld.com“ und des Buchs „Confessions of a Sociopath: A Life Spent Hiding in Plain
Sight“. ME zieht die Bezeichnung Soziopath vor. Mehr zu den Begriffen auf der „Was ist Psychopathie?“-Seite.

(aus: Craig, M., Catani, M., Deeley, Q., Latham, R., Daly, E., Kanaan, R., Picchioni, M., McGuire, P., Fahy, T., & Murphy, D. (2009). Altered connections on the road to psychopathy, Molecular Psychiatry, 14 (10), 946-953 DOI: 10.1038/mp.2009.40)

Der manipulative Hochstapler. Der Typ, der Ihnen sogar dann ins Gesicht lügt, wenn er es eigentlich gar nicht muss. Das Kind, das Tiere quält. Der kaltblütige Mörder. Psychopathen zeichnen sich durch einen Mangel an Mitgefühl und eine schwache Impulskontrolle bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher Form von Gewissen aus. Laut einer umfassenden psychologischen Profil-Checkliste lässt sich rund 1 % der Gesamtbevölkerung als Psychopathen bezeichnen. Diese Menschen tendieren dazu, sich egozentrisch, gefühllos, manipulativ, betrügerisch, oberflächlich, verantwortungslos und parasitär, wenn nicht sogar raubtierhaft zu verhalten. Ein Grossteil aller Psychopathen ist nicht gewalttätig und viele von ihnen leisten sogar sehr gute Arbeit in ihrem Beruf, in welchem ihre persönlichen Züge von Vorteil sind und ihre sozialen Tendenzen toleriert werden. Nichtsdestotrotz haben manche von ihnen die Veranlagung, berechnende, „instrumentelle“ Gewalt an den Tag zu legen – eine Gewalt, die kaltblütig, geplant und zielorientiert ist. Psychopathen sind unter Kriminellen deutlich überrepräsentiert. Schätzungen zufolge machen sie in den meisten Gefängnissen rund 20 % aller Insassen aus. Sie begehen mehr als die Hälfte aller Gewaltverbrechen und die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist bei ihnen 3-4 Mal höher. So gut wie keiner von ihnen spricht auf Wiedereingliederungsmassnahmen an. Kurzum: Sie sind einfach keine netten Zeitgenossen.

Aber wie wird man überhaupt zu einem Psychopathen? Handelt es sich hierbei um einen angeborenen biologischen Zustand, ein Ergebnis gesellschaftlicher Erfahrungen oder um eine Kombination aus diesen Faktoren? Langzeitstudien haben gezeigt, dass die mit einer Psychopathie einhergehenden Persönlichkeitszüge im Laufe der Zeit äusserst stabil bleiben. Erste Warnzeichen wie beispielsweise „gefühl- und emotionslose Züge“ sowie ein antisoziales Verhalten können bereits in der Kindheit ausgemacht werden und sind ein höchst verlässliches Anzeichen für eine spätere Psychopathie. Gross angelegte Zwillingsstudien haben gezeigt, dass diese Züge in den meisten Fällen weitervererbt werden – eineiige Zwillinge, die 100 % ihrer Gene gemeinsam haben, sind einander in dieser Hinsicht deutlich ähnlicher als zweieiige Zwillinge, bei denen lediglich 50 % der Gene gleich sind. In einer Studie liessen sich mehr als 80 % aller Abweichungen bei den gefühl- und emotionslosen Zügen unter der untersuchten Bevölkerung auf genetische Unterschiede zurückführen. Im Gegenzug dazu lagen die Auswirkungen eines gemeinsamen familiären Umfelds bei nahezu null. Eine Psychopathie scheint also eine lebenslange Eigenschaft bzw. eine Kombination aus Eigenschaften darzustellen, die stark durch Gene und so gut wie überhaupt nicht durch die soziale Prägung beeinflusst wird bzw. werden.

Die zwei charakteristischen Eigenschaften von Psychopathen – abgestumpfte emotionale Reaktionen auf negative Reize gekoppelt mit einer schwachen Impulskontrolle – können sowohl im Rahmen psychologischer als auch neurologischer bildgebender Experimente gemessen werden. In mehreren Studien fand man heraus, dass Psychopathen eine verringerte Reaktion der Amygdala auf furchterregende oder andere negative Reize zeigen. Sie scheinen stark emotional besetzte Begriffe wie beispielsweise „Vergewaltigung“ nicht anders zu verarbeiten, als dies z. B. bei der Verarbeitung neutraler Begriffe wie „Tisch“ bei ihnen der Fall ist. Diese fehlende Reaktion auf negative Reize lässt sich auch auf anderen Wegen messen, wie beispielsweise anhand der nicht erfolgenden Auslösung einer galvanischen Hautreaktion (erhöhte Leitfähigkeit der Haut aufgrund von Schwitzen), wenn sie mit einem drohenden elektrischen Schlag konfrontiert werden. Darüber hinaus fand man auch heraus, dass im Gehirn von Psychopathen limbische (emotionale) Bereiche bei aversiven Lernprozessen nicht richtig aktiviert werden, was mit einer Unempfindlichkeit gegenüber einer negativen Verstärkung korreliert. Den Psychopathen kümmert es einfach überhaupt nicht. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Psychopathen von vielen anderen Menschen, die zu einer plötzlichen, impulsiven Gewalt neigen, und zwar dahingehend, dass diese Menschen tendenziell eine extrem sensible negative emotionale Reaktion auf etwas zeigen, was andernfalls einen relativ harmlosen Reiz darstellen würde.

Was diese beiden Gruppen gemeinsam haben, ist die schwache Impulskontrolle. Diese Fähigkeit stützt sich auf den Teil des Gehirns, der auch als präfrontaler Cortex bezeichnet wird, und dort insbesondere auf den orbitofrontalen Cortex. Bekannt ist, dass durch Schädigungen in diesem Teil des Gehirns planerische Fähigkeiten, die Fähigkeit zur Vorhersage von Konsequenzen sowie die Fähigkeit zur Unterdrückung von gesellschaftlich inakzeptablem Verhalten beeinträchtigt werden – also vielmehr die kognitiven Mechanismen des „freien Nichtwillens“ als die des freien Willens. In der Regel wird diese Gehirnregion zudem durch aversive Lernprozesse aktiviert. Diese Aktivierung ist bei Psychopathen ebenfalls vermindert. Des Weiteren wird deutlich, dass bei Psychopathen sowohl der präfrontale Cortex als auch die Amygdala im Durchschnitt erheblich kleiner ausfallen, was darauf schliessen lässt, dass ihre Gehirne anders strukturiert sind.

Diese Erkenntnisse sind nun in einer neueren Studie, in welcher die Vernetzung zwischen diesen beiden Regionen direkt analysiert wurde, miteinander vereint worden. Unter Zuhilfenahme der sogenannten Diffusions-Tensor-Bildgebung (siehe Beitrag vom 31. August 2009) haben Craig und seine Kollegen den axonalen Trakt, der diese beiden Regionen miteinander verbindet – auch als Fasciculus uncinatus bezeichnet – auf seine Intaktheit untersucht und dabei herausgefunden, dass diese bei Psychopathen deutlich beeinträchtigt ist. Doch was am wichtigsten ist: Die Vernetzung dieser beiden Regionen mit anderen Teilen des Gehirns war vollkommen normal gestaltet. Diese Daten lassen daher auf eine spezifische Störung des Netzwerks im Gehirn schliessen, durch das bei Psychopathen der orbitofrontale Cortex und die Amygdala miteinander verbunden sind. Das Ausmass dieser Störung korrelierte dabei stark mit den Ergebnissen, die die untersuchten Personen auf der Psychopathie-Checkliste erzielten.

All diese Erkenntnisse zusammengenommen deuten auf ein Bild der Psychopathie als eine angeborene, genetisch bedingte Abweichung bei der Vernetzung zwischen bestimmten Teilen des Gehirns hin, die normalerweise Mitgefühl, Gewissen und Impulskontrolle steuern. Dies ist nicht zwangsläufig gleich eine Störung, und auch kein Merkmal, das man als eine Erkrankung einstufen könnte oder das stets einen Nachteil darstellt. In der Bevölkerung können die Züge einer Psychopathie in einer gewissen Häufigkeit mit grossen Vorteilen für den Einzelnen einhergehen.

Dieses Fazit bringt allerdings ernsthafte ethische und rechtliche Auswirkungen mit sich. Könnte ein Psychopath eine rechtliche Verteidigungsstrategie aufbauen, indem er sagt: „Mein Gehirn hat mich dazu veranlasst“? Oder auch: „Meine Gene haben mich dazu veranlasst“? Ist dies etwas Anderes als die Aussage: „Meine schlechte Kindheit hat mich dazu veranlasst“? Psychopathen können sehr wohl Recht und Unrecht voneinander unterscheiden – nur scheren sie sich keinen Deut darum. Und genau das ist es auch, was die Gesellschaft als „böse“ und nicht als „krank“ bezeichnet. Doch wenn solche Menschen aufgrund ihrer Veranlagung nicht in der Lage sind, Gefühle zu zeigen, kann man sie dann auch wirklich für ihre Taten zur Verantwortung ziehen? Wenn jedoch andererseits gewalttätige Psychopathen eine ständige Gefahr für die Gesellschaft darstellen und überhaupt nicht auf Wiedereingliederungsmassnahmen ansprechen, was sollte man dann mit ihnen machen? Vielleicht – und dieser Vorschlag stammt nun aus Grossbritannien – sollten Menschen mit einem extrem psychopathischen Persönlichkeitsprofil (oder möglicherweise in der nahen Zukunft gar mit einem spezifischen genetischen Profil?) bereits überwacht bzw. abgesondert werden, bevor sie überhaupt erst eine Straftat begehen.

Obgleich es von wesentlicher Bedeutung ist, dass diese Debatten anhand geeigneter wissenschaftlicher Erkenntnisse genährt werden, gibt es für diese Fragen dennoch keine eindeutigen Antworten. Sie werden nur auf eine pragmatische Art und Weise gelöst werden können, indem man das Verhalten, das die Gesellschaft zu tolerieren gewillt ist, gegenüber den Rechten des Einzelnen abwägt – egal, wie deren Gehirn auch immer aufgebaut sein mag – um auf diese Weise ganz eigene moralische Massstäbe zu setzen.

Bitte schreibt hier nur Kommentare, die eine Verbindung zu obigem Artikel haben. Für andere Kommentare steht Euch das „Forum“ offen.

Veröffentlicht unter Psychopathie, Woran man einen Psychopathen erkennt | Verschlagwortet mit , , , , | 13 Kommentare

Das falsche Allmachtsgefühl von Psychopathen

von Claudia Moscovici

Psychopathen sind nicht nur darauf aus, Kontrolle über Andere auszuüben. Durch das Kontrollieren Anderer streben sie ein Gefühl der Allmacht an. Diese Einstellung ist das Ergebnis einer Kombination ihrer Eigenschaften: geringe Impulskontrolle; die Absicht, Anderen Schaden zuzufügen (rücksichtsloses Wesen); sowie ein absoluter Narzissmus (ein durchdringendes Gefühl der Überlegenheit gegenüber allen anderen Menschen sowie das Gefühl, über allen Regeln und Gesetzen zu stehen, an die sich der Rest der Menschheit zu halten hat). Die Kombination aus diesen Qualitäten übersteigt – so stellt sich heraus – die Summe der einzelnen Eigenschaften. Das Ergebnis des Ganzen ist ein Mensch, der glaubt, er habe das Recht, Andere zu täuschen, zu manipulieren, zu benutzen, zu missbrauchen und zu missachten, und zwar ausschliesslich um des Vergnügens willen und aufgrund der Macht, die diesem Menschen durch eben jene Kontrolle zuteilwird.

Psychopathen beten ihren eigenen Altar an. Sie fühlen sich schlau genug, jemand anderen zum Narren zu halten und mit allem durchzukommen. Dieses Gefühl der vollkommenen Macht und Überlegenheit – Allmächtigkeit – veranlasst sie auch dazu, so schamlos zu lügen, mit ihren Opfern Katz- und Maus-Spiele zu veranstalten und, wenn sie eine Straftat begehen, die Medien und die Polizei dabei zu verhöhnen. Drew Peterson hat die Medien, die Öffentlichkeit und die Polizei auf berühmt-berüchtigte Weise verhöhnt, indem er um eine Dating-Show im Radio gebeten hatte, als er über den Mord an seiner vierten Frau befragt wurde. Psychopathische Sexualstraftäter nehmen Trophäen ihrer Opfer mit, stellen diese auf, machen die Tatorte gewissermassen zu Bühnen.

All diese abartigen Verhaltensweisen vermitteln ihnen ein falsches Gefühl der Allmächtigkeit – die Macht über Leben und Tod Anderer; und – was noch schlimmer ist – das Gefühl, mit allem davonzukommen, was sie tun. Selbst „versteckt kriminelle“ Psychopathen hinterlassen deutliche Zeichen für ihre Untreue, ihre Betrügereien und andere Missetaten, um zu sehen, ob diejenigen, die sie getäuscht haben, ihnen auf die Schliche kommen werden. Sie geniessen ihre Verstösse sogar umso mehr, wenn sie direkt vor den Augen ihrer Opfer mit ihnen davonkommen können.

Mehr noch: Psychopathen tendieren dazu, stets eine bestimmte Anzahl an Personen um sich zu scharen, von denen sie verehrt werden: seien es Familienmitglieder oder Ehepartner, die sie einer hinlänglichen Gehirnwäsche unterzogen haben, und/oder eine Reihe an Bekanntschaften, denen gegenüber sie lediglich ihren Charme, ihre „gute Seite“, zum Ausdruck bringen. Solche Individuen leben in einer Welt, die man auch als eine Art narzisstische Seifenblase bezeichnen könnte, in der sie sich „besonders“, wichtig und durch deren Assoziierung mit dem Psychopathen sie sich anderen Personen gegenüber überlegen fühlen. Auch das nährt die Illusion des Psychopathen, dass ihn jeder vergöttert, dass er mit allem davonkommen kann, und das, obwohl Psychopathen in Wahrheit die meisten Menschen um sich herum verprellen und allenfalls einen zwiespältigen Ruf als Dr. Jekyll / Mr. Hyde geniessen.

Wenn es irgendeinen Trost für ihre Opfer gibt, dann den, dass Psychopathen in Wahrheit am Ende immer den Kürzeren ziehen. Sie verlieren ihre Arbeit, ihre Beziehungen sowie das Vertrauen und die Loyalität Anderer. Mit jedem neuen Opfer fühlen sie sich wieder unbesiegbar. Wenn ein Opfer beginnt, das Ganze zu begreifen, dann machen sie einfach mit dem nächsten weiter, das ihnen dann wieder dieselbe Welle der Macht vermittelt. Psychopathen betrügen, belügen, bestehlen, verletzen und manipulieren Andere ausgehend von einer Position der Allmächtigkeit. Ihre grösste Stärke ist es, die Schwächen anderer Menschen zu erkennen. Ihre grösste Schwäche ist es, die Stärken anderer Menschen nicht zu erkennen.

Bitte schreibt hier nur Kommentare, die eine Verbindung zu obigem Artikel haben. Für andere Kommentare steht Euch das „Forum“ offen.

Veröffentlicht unter Claudia Moscovici, Psychopathie | Verschlagwortet mit , , , , | 9 Kommentare

Wenn Sie die Person, die Sie missbraucht, lieben: Stockholm-Syndrom und Trauma-Bindungen

von Claudia Moscovici

Man sagt, wenn man sich verbrennt, steckt man seine Hand nicht noch einmal in den heißen Ofen. Das ist jedoch nicht unbedingt so. Manchmal ist es genau der Umstand des sich Verbrennens, der Menschen emotional an jemanden bindet, der sie missbraucht. Studien weisen nach, dass emotionaler Missbrauch abwechselnd mit kleinen Gesten der Freundlichkeit einige Opfer sogar stärker als eine gleichbleibend gute Behandlung an die Täter binden kann. Bisher habe ich das Wort „Opfer“ zur Beschreibung von Frauen (oder Männern) benutzt, die durch Psychopathen leiden. Dennoch mag ich dieses Wort aus verschiedenen Gründen nicht wirklich leiden. Tendenziell impliziert es eine gewisse Passivität, als hätte die Frau selbst mit der Entscheidung, sich mit dem Psychopathen einzulassen, oder schlimmer noch, bei ihm zu bleiben, nachdem seine Maske der Normalität zu verrutschen beginnt, nichts zu tun. Es ist selten, dass ein Psychopath eine Frau physisch dazu zwingt, sich mit ihm einzulassen oder bei ihm zu bleiben. Selbst wenn er sie einschüchtert und einer Gehirnwäsche unterzieht, kooperiert das Opfer im Allgemeinen.

Damit soll jedoch im Gegenzug auch nicht unterstellt werden, dass die Frauen, die sich mit Psychopathen einlassen, „schuldig“ sind oder die Misshandlung verdienen. Das ist in der Tat der andere Hauptgrund, warum ich den Begriff „Opfer“ nicht mag. Er weckt bestimmte Vorstellungen moralischer Reinheit, mit denen das Opfer in Frage gestellt wird. Beispielsweise gab es früher das übliche Vorurteil, wenn sich das Opfer einer Vergewaltigung provokativ kleidete oder nachts allein unterwegs war, dass sie nicht ganz „unschuldig“ sei und es irgendwie „darauf angelegt“ hätte.

Inzwischen sind wir uns bewusst, dass diese Auffassung falsch und schädlich ist. Frauen können das Ziel von Missbrauch sein und missbraucht werden, ohne selbst vollkommene Engel zu sein. Entsprechend sollte es nicht nötig sein, dass man gegenüber der öffentlichen Meinung seine Vollkommenheit beweisen muss, um Mitleid dafür zu bekommen, dass man von einem psychopathischen Partner benutzt und missbraucht wurde. Niemand, der fähig ist, Empathie und Liebe zu empfinden, verdient diese Art von Gehirnwäsche, Einschüchterung, Lügen, Betrug, Manipulation und Verdrehung der Wahrheit, denen ein Psychopath seine Partnerin regelmäßig aussetzt. Trotz der Tatsache, dass ich einige der Konnotationen des Wortes „Opfer“ nicht mag, verwende ich es trotzdem, da ich der Ansicht bin, dass die Frauen, die sich mit Psychopathen einlassen und aus freien Stücken bei ihnen bleiben, in mancherlei Hinsicht zu Opfern gemacht werden. Um zu verdeutlichen, wie Sie zu einem Opfer gemacht werden können und gleichzeitig Ihrer eigenen Opferrolle zuarbeiten, komme ich auf die Erklärung des Stockholm-Syndroms durch Dr. Joseph Carver in dessen Artikel „Love and Stockholm Syndrome: The Mystery of Loving an Abuser“ zurück. (drjoecarver.com)

Carver gibt an, dass er in seiner Praxis regelmäßig Frauen mit psychopathischen Partnern antrifft, die so etwas sagen wie „Ich weiß, dass es für andere Leute schwer zu verstehen ist, aber trotz allem, was er getan hat, liebe ich ihn trotzdem noch“. Auch wenn es irrational erscheint, Gefühle der Liebe für einen Partner zu haben, der Sie wiederholt schlecht behandelt, ist das leider ziemlich häufig der Fall. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass sexuell belästigte Kinder, misshandelte Frauen, Kriegsgefangene, Sektenmitglieder und Geiseln häufig mit ihren Peinigern sympathisieren. Manchmal gehen sie sogar soweit, diese gegenüber ihren Familien und Freunden, den Medien, der Polizei und vor Gericht zu verteidigen, wenn ihre Verbrechen vor Gericht gestellt werden.

Dieses psychologische Phänomen ist so verbreitet, dass es seinen eigenen Namen bekommen hat: „Stockholm-Syndrom“, benannt nach einem Vorfall, der im schwedischen Stockholm stattfand. Am 23. August 1974 betraten zwei Männer mit Maschinengewehren eine Bank. Sie hielten mehrere Tage lang drei Frauen und einen Mann als Geiseln. Am Ende dieses Leidenswegs hatten sich die Opfer überraschenderweise auf die Seite ihrer Kidnapper gestellt und verteidigten diese sogar gegenüber den Medien und der Polizei. Eine Frau verlobte sich sogar mit einem der Bankräuber. Eine andere gab eine große Summe Geld für die juristische Verteidigung eines der Kriminellen aus. Personen, die unter dem Stockholm-Syndrom leiden, entwickeln eine ungesunde, positive Bindung zu den Personen, die sie missbrauchen. Sie akzeptieren die Lügen und Begründungen des Täters für sein schlechtes Verhalten. Manchmal unterstützen sie den Täter sogar dabei, anderen zu schaden. Dieser psychologische Zustand macht es den Opfern schwer, wenn nicht sogar unmöglich, Verhaltensweisen zu praktizieren, die eine Loslösung vom Täter erleichtern, wie zum Beispiel seine Auslieferung, die Aufdeckung seines Fehlverhaltens, oder ihn zu verlassen.

Diese ungesunde Bindung verstärkt sich, wenn der Täter zwischen Zuckerbrot und Peitsche wechselt, wie wir im Falle von Drew und Stacy Peterson gesehen haben. In den Missbrauch – Lügen, Betrug, implizite oder explizite Drohungen und Beleidigungen und sogar körperliche Übergriffe – knüpft er „kleine Nettigkeiten“, wie Geschenke, romantische Karten, Verabredungen in einem schönen Restaurant, Entschuldigungen und gelegentliche Komplimente ein. Natürlich kann eine süße Karte oder ein nettes Kompliment nach Ansicht einer rationalen Person nicht jahrelanges missbräuchliches Verhalten einfach wegwischen. Doch für eine Frau, deren unabhängiges Urteilsvermögen und deren Autonomie durch längeren intimen Kontakt mit einem Psychopathen schwer beschädigt wurde, kann es dies und ist häufig der Fall. Eine solche Frau sieht jedes Geschenk, jedes leere Versprechen und jede Freundlichkeit als positives Zeichen an. Sie ist der irrigen Auffassung, dass ihr missbrauchender Partner sich gern ändern möchte, und hofft, dass er gelernt hat, sie so zu lieben und zu schätzen, wie sie es verdient. Sie möchte ihm gern glauben, selbst wenn das Missbrauchsmuster sich ständig wiederholt, egal wie viele Male sie ihm verzeiht. Darum geht es beim Trauma-Bonding.

Ein Opfer des Stockholm-Syndroms hält entgegen aller Vernunft an der Vorstellung fest, dass der Täter letzten Endes zur Erleuchtung kommt, wenn sie sich nur genug anstrengt und ihn bedingungslos liebt. Er dagegen unterstützt ihre falsche Hoffnung solange, wie er sie hinhalten will. Das Opfer, das beobachtet, dass er sich manchmal nett benimmt, gibt sich selbst die Schuld, wenn er sie schlecht behandelt. Da ihr ganzes Leben auf ein Ziel und eine Dimension ausgerichtet ist, die alles andere einschließt – sie richtet ihre Kleidung, Arbeit, die Zubereitung von Speisen und ihre Sexualität danach, was dem Psychopathen gefällt – hängt ihr Selbstwertgefühl ausschließlich von seiner Bestätigung ab und sie ist übermäßig empfindlich gegenüber seiner Missbilligung.

Wie wir jedoch wissen, können  Psychopathen und Narzissten nie zufrieden gestellt werden. In Beziehungen mit ihnen geht es stets um Kontrolle, niemals um gegenseitige Liebe. Daher gilt, je mehr Psychopathen von ihren Partnerinnen bekommen, desto mehr verlangen sie von ihnen. Eine Frau, deren Lebensziel darin besteht, einen psychopathischen Partner zufriedenzustellen, leidet daher unweigerlich irgendwann an einer geringeren Selbstachtung. Nach Jahren der Misshandlung kann es sein, dass sie sich zu mutlos und depressiv fühlt, um den Mann, der sie missbraucht, zu verlassen. Es ist möglich, dass der Psychopath ihre Selbstachtung soweit geschädigt hat, dass sie der Meinung ist, sie sei für keinen anderen Mann attraktiv. Carver nennt diese verzerrte Wahrnehmung eine „kognitive Dissonanz“, die Psychopathen ihren Opfern häufig einimpfen. Er erläutert:

„Die Kombination aus dem ‘Stockholm-Syndrom’ und ‘kognitiver Dissonanz’ führt zu einem Opfer, das der festen Meinung ist, dass die Beziehung nicht nur tragbar, sondern absolut überlebensnotwendig für es ist. Das Opfer ist der Ansicht, es würde geistig zusammenbrechen, wenn die Beziehung auseinandergeht. In Langzeitbeziehungen haben die Opfer alles gegeben und ‘alles auf eine Karte gesetzt’. Jetzt hängt die Höhe ihrer Selbstachtung, ihres Selbstwerts und ihre emotionale Gesundheit von der Beziehung ab.“ (drjoecarver.com)

Ich habe bereits an anderer Stelle erwähnt, dass die einzige Möglichkeit, dieser gefährlichen Abhängigkeit von einem Psychopathen zu entfliehen, darin besteht, sich dauerhaft seinem Einfluss zu entziehen. Jeder Kontakt mit ihm hält Sie in seinem Netz aus Manipulation und Betrug gefangen. In gewisser Hinsicht ist dies jedoch ein Zirkelschluss. Wenn Sie die Stärke besitzen, einen Psychopathen zu verlassen, und die Klarheit, Ihre Beziehung zu ihm zu überdenken, dann leiden Sie vermutlich nicht am Stockholm-Syndrom. Möglicherweise haben Sie sich vorübergehend im Nebel der psychopathischen Bindung verirrt, genau wie ich. Doch diejenigen, die am Stockholm-Syndrom leiden, haben das Gefühl, sich in einem dunklen Tunnel verirrt zu haben. Sie wissen nicht mehr, in welche Richtung sie sich wenden sollen. Vermutlich benötigen sie Hilfe von außen, um Licht zu sehen und sich selbst zu retten. Was also können Familie und Freunde für sie tun?

Liane Leedom beschäftigt sich mit dieser Frage in einem Artikel mit dem Titel „How Can I Get My X Away From the Psychopathic Con Artist?“ (lovefraud.com, 7. September 2007). Sie rät zu einer subtilen Intervention, anstatt das Opfer mit Anschuldigungen gegen den Mann, der sie missbraucht, zu erschlagen, was sie in die Defensive drängen könnte. Wie wir uns erinnern, erlangen Psychopathen BISS um BISS (engl. BITE) die Kontrolle über ihre Opfer, wie emotionale Vampire. „BITE“ wiederum steht für „behavior, information, thoughts and emotions“ (Verhalten, Information, Gedanken und Emotionen). Psychopathen versuchen, alle Aspekte der Erfahrung von Realität ihrer Partner zu kontrollieren.

Um ihrem gefährlichen Einfluss entgegenzuwirken, müssen Sie zurückschlagen. Verschaffen Sie dem Opfer eine echte Wahrnehmung der Realität und echte emotionale Unterstützung. Falls und wenn sie sich über ihren psychopathischen Partner beschwert, stimmen Sie nicht gleich in ihre Vorwürfe ein, da sie dann wahrscheinlich anfängt, den Psychopathen erneut zu verteidigen. Hören Sie statt dessen einfach zu. Nennen Sie ruhig und rational die Auswirkungen der Handlungen, die sie aus der Fassung gebracht haben. Zeigen Sie ihr, dass Sie sie verstehen und unterstützen. Auf diese Weise hat sie einen Vergleichsmaßstab zwischen dem Missbrauchsverhalten ihres Partners und Ihrer echten Fürsorge. Wie wir bereits gelernt haben, muss ein Psychopath seiner Partnerin ein Gefühl der Unsicherheit vermitteln und sie pathologisch von ihm abhängig machen. Ermutigen Sie das Opfer, andere Quellen der Befriedigung in ihrem Leben zu finden, die nicht durch den Wunsch motiviert sind, ihm zu gefallen.

Das Thema Motivation ist von entscheidender Bedeutung. Die Partnerinnen von Psychopathen verlieren häufig an Gewicht, ziehen sich besser an, finden bessere Jobs, gehen interessanteren Hobbies nach, was alles anscheinend positive Zeichen sind. Dies ist jedoch nicht der Fall, wenn diese Selbstverbesserung durch den Wunsch begründet ist, die Zustimmung des Psychopathen zu erlangen oder seine Ablehnung zu verhindern. Das Streben nach seiner Bestätigung hält das Opfer – und ihre Selbstachtung – an einen gestörten Menschen gefesselt, den sie niemals zufriedenstellen kann und dem nicht ihr Bestes am Herzen liegt. Vor allem weist Leedom darauf hin, dass die Familie und Freunde des Opfers klarstellen sollten, dass sie für sie da sein werden, sobald sie sich von dem Psychopathen trennt. Sie wird dann nicht verloren, ungeliebt und allein sein, wie der Psychopath sie wahrscheinlich glauben macht, um sie unter seiner Kontrolle zu behalten.

Manchmal bemerken Familie und Freunde des Opfers beim Opfer ein ähnliches Verhalten wie beim Psychopathen selbst. Beispielsweise können beide vielleicht lügen. Leedom und andere Psychologen geben an, dass dieses Phänomen leider weit verbreitet ist. Wir haben gelernt, dass der Kontakt mit einem Psychopathen tendenziell ansteckend und destruktiv ist, wie ein Virus. Er verzerrt Ihre Wahrnehmung der Realität, untergräbt Ihre moralischen Werte und verringert Ihre Empathie für andere. Leedom meint:

„Genau das passiert, wenn Sie eine Verbindung mit einem Psychopathen haben, egal wie gut Sie ihn kennen und ob Sie mit ihm zusammenleben oder nicht. Daher rate ich Familienmitgliedern dringend dazu, den Kontakt zum Psychopathen zu unterbinden. Bei der gesamten Beziehung von Psychopathen mit der Welt geht es um Macht und Kontrolle. Dieses Bedürfnis nach Macht und Kontrolle ist sehr persönlich. Sie tun das mit jeweils einer Person, jeweils einem Opfer. Sie tun es sehr systematisch, mit Arglist und Voraussicht. Wenn sie erfolgreich jemandem wehgetan oder eine andere Person dazu gebracht haben, sich selbst oder anderen wehzutun, treten sie zurück, weiden sich daran und sagen sich ‘Ich habe es wieder geschafft, verdammt, bin ich toll!’ (sie verwenden auch gern vulgäre Ausdrücke).“ (lovefraud.com)

Genauso wie die meisten Menschen ein instinktives Vergnügen dabei empfinden, Liebe zu machen oder Schokolade zu essen oder dabei zuzuschauen, wie das Team ihrer Kinder ein Spiel gewinnt, empfinden Psychopathen große Freude, wenn sie anderen wehtun. Sie genießen es, ihre Partnerinnen so zu verderben, dass sie ebenso manipulativ, betrügerisch und kaltschnäuzig wie sie werden. Für einen Psychopathen stellt es einen persönlichen Triumph dar, seine Partnerin von innen heraus zu zerstören – ihren menschlichen, moralischen Kern, nicht nur ihr tägliches Leben. Psychopathen identifizieren, verfolgen, isolieren, verderben jeweils ein Opfer und rangieren es schließlich aus. Damit will ich natürlich nicht andeuten, dass sie jemandem treu sind. Doch sie richten ihre Energie auf zielstrebige Weise darauf, jeweils ein Leben und jeweils eine Person zu zerstören. Von Psychopathen verführte Frauen kommen in einen Zustand, den Psychologen als „Hypnosezustand“ bezeichnen. Sie verdrängen diejenigen Aspekte der Realität, die die Wahrheit zeigen würden. Statt dessen konzentrieren sie sich auf die Teile der Realität, die den verzerrten Sichtweisen ihres Partners entsprechen. Diese Logik gilt häufig auch für die Familienmitglieder des Psychopathen. Ich habe bereits erwähnt, dass die Eltern von Neil Entwistle ihren Sohn selbst dann noch unterstützen, nachdem er wegen Mordes verurteilt worden war. Eltern, die sich so benehmen, wollen nach Angabe von Leedom „genau wie jeder andere die perfekte Familie haben. Daher normalisieren und rechtfertigen sie jedes schädigende Kontrollverhalten des Psychopathen“. (lovefraud.com) Wenn Eltern soweit gehen, sogar Mord entweder zu ignorieren oder zu rechtfertigen, überschreitet ihr Verhalten natürlich die Grenze zum Pathologischen.

Dennoch gilt: Egal wie viel Liebe und Unterstützung Sie dem Opfer eines Psychopathen anbieten, kann sie genau wie Menschen, die an anderen Arten der Abhängigkeit leiden, sich nur selbst retten. Letzten Endes liegt es an ihr, die innere Stärke zu finden, sich der Wahrheit über den Psychopathen zu stellen. Psychologen sagen, dass im Allgemeinen gilt, je länger eine Frau bei einem Psychopathen bleibt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie sich von dieser schädlichen Beziehung wieder erholt. Ihre gequälte Liebe für ihn bleibt möglicherweise für den Rest ihres Lebens bestehen. Es ist jedoch höchst unwahrscheinlich, dass der Psychopath so lange bleibt. Wenn Sie einen Psychopathen nicht verlassen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er Sie letztendlich verlässt, um woanders neue Chancen zu sondieren. Leedom fügt hinzu: „Die Frage hier ist, ob dies so lange dauert, dass das Opfer sich vollkommen verliert. Wenn dies geschieht, besteht ein großes Risiko für einen Selbstmord, wenn die Beziehung auseinanderbricht.“ (lovefraud.com) Je mehr Informationen wir über Psychopathie verbreiten, desto leichter und schneller erkennen die Opfer hoffentlich die Symptome dieser Persönlichkeitsstörung. Diese Informationen können ihnen die Stärke verleihen, der psychopathischen Verführung und Kontrolle zu entfliehen, bevor es zu spät ist.

Was sind Eure Erfahrungen?

Bitte schreibt hier nur Kommentare, die eine Verbindung zu obigem Artikel haben. Für andere Kommentare steht Euch das „Forum“ offen.

Veröffentlicht unter Claudia Moscovici, Missbrauch, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Psychopathie | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 316 Kommentare

Die Emotionen des Psychopathen: Was fühlt er?

Von Claudia Moscovici

Bis jetzt habe ich Sie darum gebeten, sich eine Person vorzustellen, der es an Mitgefühl für andere mangelt, und die unfähig ist, Emotionen jeglicher Art wahrhaft zu empfinden. Sie sollten sich eine Person vorstellen, die von Rastlosigkeit und Langeweile geplagt ist und allein beim Betrügen, Manipulieren und Kontrollieren anderer ein Gefühl von Genugtuung verspürt. Eine Person, die vielleicht Respekt oder Höflichkeit simuliert, für andere Menschen jedoch im Wesentlichen nur Verachtung empfindet, und sie als Objekte betrachtet, die sie benutzen kann, um sich vorübergehend abzulenken oder Befriedigung zu erlangen. Eine Person, die an einer unheilbaren, absoluten Form des Egozentrismus leidet.

Doch selbst dies ist noch weit davon entfernt, ein vollständiges Bild des Ausmasses der emotionalen Armut des Psychopathen zu vermitteln. Diese Ausführungen mögen vielleicht Aufschluss darüber geben, was ein Psychopath nicht fühlen kann; um jedoch zu verstehen, wie und weshalb der Psychopath sich zum Verletzen anderer Menschen hingezogen fühlt, muss man ebenfalls eine Vorstellung davon haben, was ein Psychopath fühlt. Psychopathen ertragen keine Einsamkeit. So wie kein Mensch ohne Nahrung und Wasser physisch überleben kann, so können Psychopathen im emotionalen Sinne nicht ohne ihre Opfer überleben.

Selbstverständlich verachten Psychopathen Liebe. Sie sehen Paare, die sich lieben und treu sind, als eine hässliche, gesichtslose Masse an. Da sie Liebe und Treue weder selbst erleben, geschweige denn überhaupt verstehen können, sehen sie Menschen mit einem moralischen Gewissen als schwach an. Sie haben für die Emotionen, die normale Menschen empfinden, nichts als Geringschätzung übrig. Zur selben Zeit können Psychopathen nicht existieren, ohne sich an den wahrhaftigen, gehaltvollen Emotionen von Menschen zu weiden, denen sie etwas bedeuten; von Menschen, die lieben können, oder anders gesagt, von Menschen, die sie benutzen, missbrauchen, mit denen sie spielen, die sie belügen und verletzen.

Psychopathen sind oft auf der Jagd nach Sexualpartnern. Noch öfter, und auf einer zweifellos noch grundlegenderen Ebene sind sie auf der Jagd nach Emotionen. Sie wollen von ihren Opfern weitaus mehr, als nur ihre Körper besitzen oder Sex. Sie müssen ihre unstillbare Verletzungssucht bedienen sowie ihr Gefühl von Überlegenheit aufrechterhalten, indem sie von anderen Menschen Besitz ergreifen und sie zerstören, bis nichts mehr übrig bleibt, körperlich und seelisch. Das emotionale Bewusstsein eines Psychopathen ist wie ein Vakuum, das die emotionale Energie aus gesunden Individuen absaugen muss, damit es überleben kann. Aus diesem Grund habe ich Psychopathen auch echte Vampire genannt, die wir weitaus besser verstehen müssen, und über die wir uns bedeutend mehr Sorgen machen müssen als über ihre fiktiven Gegenstücke.

Ein Psychopath hat in seinem emotionalen Repertoire noch weitaus mehr Defizite als das fehlende Mitgefühl für andere Menschen. Hierzu gehört ein Unvermögen, Emotionen jeglicher Art zu erfahren, die tiefgründige Einsichten und ein psychologisches Bewusstsein voraussetzen. Er erlebt lediglich Protoemotionen, die so kurzlebig sind wie intensiv. Dies macht sie jedoch kein bisschen ungefährlicher. Die Beweislage deutet auf die Tatsache hin, dass Scott Peterson und Neil Entwistle ihre Morde Wochen im Voraus planten. Mark Hacking schien jedoch mehr oder weniger impulsiv gehandelt zu haben, nachdem er mit seiner Frau in einen Streit geraten war. Wenn wir seinem Geständnis seinen Brüdern gegenüber Glauben schenken möchten, war Mark gerade dabei, seine Sachen zusammenzupacken, stiess dabei auf einen Revolver, und erschoss Lori als diese schlief.

Wütend oder frustriert ist ein Psychopath zu allem fähig, selbst wenn sein Zorn einige Minuten später wieder nachlässt. Hervey Cleckley hat hierzu die folgende Beobachtung angestellt: „Zu seiner Unfähigkeit zur Liebe legt der Psychopath immerzu eine allgemein mangelhafte Betroffenheit/Gemütserregung an den Tag. Wenngleich es auch stimmt, dass er gelegentlich erregt wird und jemanden wie wutentbrannt anschreit, oder einen Anflug von Enthusiasmus verspürt und auch bittere Tränen weint, oder eloquente und klägliche Worte über seine Unglücke oder Torheiten verliert, tritt bei denjenigen, die ihn genau beobachten, langsam die Überzeugung zu Tage, dass man es hier mit einer bereitwilligen Ausdrucksfreudigkeit/Bereitschaft zum Ausdruck und nicht mit ausgeprägten Emotionen zu tun hat.“ (The Mask of Sanity, S. 349).

Die von einem Psychopathen erfahrenen Protoemotionen knüpfen wiederum an die Befriedigung bzw. an das Scheitern der Erfüllung seiner unmittelbaren Gelüste an: „Verdruss, Bosheit, schnelle und unbeständige Anflüge von scheinbarer Zuneigung, mürrisches Ressentiment, oberflächliche Anfälle von Selbstmitleid, infantile Eitelkeitsallüren und absurde und prahlerische Gesten augenscheinlicher Entrüstung sind allesamt innerhalb seiner möglichen emotionalen Bandbreite und schlagen nach Belieben an, je nachdem, in welchen Umständen er sich zufällig gerade befindet. Ausgereifter Zorn aus tiefstem Herzen, wahrhafte oder beständige Verärgerung, ehrliche, anhaltende Trauer, nachhaltiger Stolz, tief empfundene Freude und echte Verzweiflung sind Reaktionen, zu denen er wahrscheinlich nicht fähig ist.“ (The Mask of Sanity, S. 349).

Aus diesem Grund empfinden Psychopathen es nicht als Notlage, im Gefängnis zu landen. Selbst dort bereitet es ihnen Freude, ihre Mitinsassen und das Gefängnispersonal zu manipulieren. Selbst von dort aus schreiben sie Briefe an Menschen ausserhalb, um an Geld, Vergnügen oder sogar Sex zu gelangen. Nichts bringt einen Psychopathen über längere Zeit aus der Fassung. Dieselbe emotionale Oberflächlichkeit, die ihn unempfindlich gegenüber den Bedürfnissen anderer macht, und ihn davor bewahrt, Reue zu empfinden, wenn er diese Menschen verletzt, befähigt ihn ebenfalls dazu, wenige oder gar keine Qualen zu empfinden, wenn er selbst verletzt wird. Bisher bin ich darauf eingegangen, welche Emotionen Psychopathen nicht fühlen können. Ich hatte jedoch ebenfalls die Gelegenheit, die Emotionen, die ein Psychopath fühlen kann, aus nächster Nähe und auf persönlicher Ebene zu erleben. Darauf werde ich als nächstes eingehen.

Die Emotionen des Psychopathen: Was fühlt er?

1) Schadenfreude. Ein Psychopath fühlt Euphorie oder Schadenfreude, wenn er seinen Willen durchsetzt oder jemanden reinlegt. Ich erinnere mich immer noch an die Reaktion von O.J. Simpson, als er ungestraft mit Mord davonkam (zumindest in meinen Augen und auch in den Augen vieler von denen, die die Verhandlung damals verfolgten, wenn schon nicht der Meinung der Geschworenen nach): seine überschwängliche Schadenfreude darüber, die amerikanische Öffentlichkeit sowie das Rechtssystem und insbesondere die Opfer und ihre Familien übers Ohr gehauen zu haben.

2) Wut. Robert Hare merkt in Without Conscience an, dass Psychopathen viel schneller als normale Menschen verärgert sind, da sie ihre Impulse schlecht unter Kontrolle haben. Ein Wutanfall eines Psychopathen ist in der Regel gefühlskalt, plötzlich, von kurzer Dauer und willkürlich. Im Allgemeinen kann man nicht vorhersagen, was genau ihn wütend macht, da diese Emotion, wie auch sein Charme, dazu verwendet werden, sein Umfeld zu kontrollieren. Ein Psychopath verliert wegen einer Lappalie womöglich die Beherrschung, bei einer ernsteren Angelegenheit bleibt er dafür unter Umständen völlig kühl und gelassen. Wutausbrüche sind für den Psychopathen ein weiteres Mittel, um zu demonstrieren, dass er das Sagen hat. Wenn Psychopathen jemanden anschreien, beleidigen, zuschlagen, oder sogar andere Menschen verwunden und töten, dann sind sie sich ihres Verhaltens bewusst, selbst wenn sie nur opportunistisch im Eifer des Gefechts handeln. Sie wissen, dass sie anderen schaden und geniessen dies sogar.

3) Frustration. Diese Emotion ist mit ihren Wutanfällen verbunden, richtet sich jedoch nicht unbedingt gegen eine bestimmte Person, sondern gegen ein Hindernis oder eine Situation. Ein Psychopath kann beispielsweise frustriert sein, wenn seine Geliebte ihren derzeitigen Partner nicht für ihn verlässt. Und doch ist er in diesem Moment vielleicht zu sehr von ihr angetan, um seine negativen Gefühle an ihr auszulassen. Er ist vielleicht auch der Auffassung, dass seine Wut sie befremden würde, bevor er eine Chance hat, sie emotional von sich abhängig zu machen. In derartigen Umständen ist er unter Umständen über die Situation an sich verdrossen; über die Hindernisse, die ihr Partner, oder ihre Familie, oder die Gesellschaft allgemein zwischen ihnen darstellt. Psychopathen verspüren für gewöhnlich Frust, wenn sich zwischen ihnen und ihren aktuellen Zielen gesichtslose Barrieren auftürmen. Doch genau das ist es auch, was sie noch hartnäckiger macht, wenn sie sich etwas vorgenommen haben. Das Meistern kleinerer Herausforderungen im Leben macht für sie schliesslich ein Teil des Vergnügens aus.

4) Bestürzung. Wie wir bisher gesehen haben, gehen Psychopathen keine Liebesbeziehungen mit anderen ein. Sie schaffen stattdessen Kontrollbeziehungen. Wenn diejenigen, die von einem Psychopathen kontrolliert werden, etwas an seinem Verhalten auszusetzen haben oder den Kontakt abbrechen, dann wird er manchmal wütend. Seine unmittelbare Reaktion besteht jedoch eher darin, überrascht oder bestürzt zu sein. Psychopathen können nicht glauben, dass ihre Fehlentscheidungen, die für sie immer gerechtfertigt und angemessen sind, jemals zur Folge haben können, dass ein anderer Mensch, der zuvor in ihrem Bann war, etwas an ihrem Verhalten auszusetzen hat oder sie ablehnt. Selbst wenn sie andere betrügen, belügen, ausnutzen, manipulieren oder isolieren, haben sie nicht das Gefühl, dass sie aufgrund ihres Verhaltens negative Konsequenzen jeglicher Art verdient hätten. Zudem rechtfertigen Psychopathen ihre fehlgeleiteten Handlungen, indem sie vorgeben, diese wären im besten Interesse ihrer Opfer.

Wenn ein Psychopath seine Partnerin beispielsweise von ihrer Familie isoliert und sie dazu überredet, ihre Arbeit zu kündigen, sie dann ganz für sich alleine hat, und sie anschliessend verlässt, um sich nach anderen Frauen umzusehen, dann hält er sein Verhalten für völlig legitim. In seinem Kopf hat sie es verdient, verlassen zu werden, da sie nicht in der Lage war, sämtliche seiner Bedürfnisse zu befriedigen, oder auf eine andere Weise keine angemessene Partnerin war. Dies geht sogar so weit, dass der Psychopath in seiner Rechtschaffenheit glaubt, dass er ihr einen Gefallen getan hat, indem er sie von ihrer Familie und ihren Freunden isolierte, und sie im Nirgendwo auflaufen liess, wie ein Wrack, das von einem Tornado in die Ferne getragen wurde. Ihm hat sie es zu verdanken, dass sie ein neues Leben beginnen und unabhängiger sein kann.

Um es einmal unverblümt zu sagen: Ein Psychopath tritt Ihnen die Zähne ein und erwartet dann auch noch ein „Danke“. Aufgrund seiner schamlosen, durch und durch von sich selbst eingenommenen Natur geht er davon aus, dass ihm jeder, der ihm nahe steht, seine gestellte Gutmütigkeit abnimmt und ihm seine verächtlichen Handlungen nachsieht, ganz so wie auch er selbst dies tut. Er erwartet sogar, dass die Frauen, die er benutzt und weggeworfen hat, ihn als den perfekten Partner idealisieren und sehnlichst seine Rückkehr erwarten. So kann er sie weiter für Sex, Geld, Machtspiele, sein Image oder für sonstige Gefälligkeiten benutzen – falls, wann auch immer, und für wie lange auch immer er sich dazu entschliesst, wieder in ihren Leben aufzutauchen.

Wenn die betroffenen Frauen ihm gegenüber nicht übermässig dankbar sind – wenn sie vielmehr nichts als Verachtung für ihn empfinden – ist der Psychopath anfangs verblüfft darüber, dass sie so eine schlechte Meinung von ihm haben. Er fühlt sich von diesen Frauen oder von den Familienmitgliedern oder Freunden, die an seinem verwerflichen Verhalten etwas auszusetzen haben, auch hintergangen. Obwohl er selbst keine Liebe für jemanden oder Treue gegenüber irgendjemandem verspürt, erwartet ein Psychopath bedingungslose Liebe und Treue von all denjenigen, mit denen er in einem Kontrollverhältnis steht.

Diese Denkweise erklärt auch die Verhaltensweise von Psychopathen vor Gericht. Scott Peterson und Neil Entwistle schienen fassungslos, als die Geschworenen sie des Mordes für schuldig erklärten. Psychopathen sind der Überzeugung, dass diejenigen, denen sie Leid zugefügt haben, und die Gesellschaft als Ganzes sie nicht für ihre Missetaten zur Verantwortung ziehen sollten. Schliesslich sind sie in ihren eigenen Gedanken anderen Menschen überlegen und stehen somit über dem Gesetz. Wie könnte es da jemand wagen, sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen und zu bestrafen!

5) Langeweile. Wahrscheinlich das einzige Gefühl, das Psychopathen anhaltendes Unbehagen beschert. Wie wir gesehen haben, versuchen sie dieses zu lindern, indem sie anspruchslosen Nervenkitzel suchen, anderen Menschen schaden und sich regelwidrig verhalten. Nichts vermag jedoch, die dem Psychopathen wesentliche Langeweile auf Dauer aus der Welt zu schaffen. Jede neue Person und Tätigkeit wird ihm aufgrund eines rasch eintretenden Gewöhnungseffektes schnell langweilig.

6) Anflüge von Theatralik. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um eine Emotion handelt. Dafür weiss ich jedoch ganz genau, dass die dramatischen Darstellungen eines Psychopathen von Liebe, Reue und Mitgefühl ohne jeglichen Sinn und Tiefgang sind. Bei den Mordprozessen in den Nachrichten oder in der Gerichtssendung Court TV fällt ins Auge, dass einige der Psychopathen, die des Mordes schuldig gesprochen wurden, oft eine Showeinlage einlegen, in der sie Trauer, Traurigkeit oder Treue vor den Geschworenen affektieren. Einen Moment später witzeln sie jedoch wieder und lachen mit ihren Anwälten oder erteilen ihnen auf eine ruhige, kalkulierte Art Anweisungen darüber, was sie in ihrem Namen zu tun oder zu sagen haben. Die Darstellungen von Emotionen, die Psychopathen oft zum Besten geben, sind selbstverständlich unecht. Es handelt sich dabei um Mittel, mithilfe derer sie andere manipulieren – um Anteilnahme oder Vertrauen zu erschleichen – sowie um einen weiteren Weg, auf dem sie „gewinnen“ können, indem sie ihr Umfeld blenden.

Ich habe bereits erwähnt, dass Neil Entwistle solche theatralischen Verhaltensweisen an den Tag gelegt hat. Wenn Sie die Berichterstattungen zu den Verbrechen im Fernsehen verfolgt haben, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Casey Anthony, die junge Frau, die des Mordes an ihrer Tochter beschuldigt wurde, sich ähnlich verhielt. Man hat sie dabei gesehen, wie sie am Tag nach dem Verschwinden ihrer Tochter Caylee mit Freunden zum Tanzen und Feiern in Clubs ging. Caseys mangelnde Besorgnis für ihr verschwundenes Kind ist nicht notwendigerweise ein Beweis dafür, dass sie ihr Kind ermordet hat. Es lässt jedoch ein höchst verdächtiges und kaltschnäuziges Verhalten erkennen und wirft auch Zweifel hinsichtlich der kurzen und dramatischen Gesten von Trauer und Besorgnis auf, die sie hin und wieder vor den Medien und vor ihren Eltern zeigte.

7) Schwärmerei. Wenn sie jemanden als potenzielles Ziel ausmachen, können Psychopathen eine Obsession für die jeweilige Person entwickeln. In Without Conscience vergleicht Hare die gezielte Zuwendung zu seinem erwählten Opfer mit einem intensiven Lichtstrahl, der zu jeder Zeit nur einen Punkt beleuchtet. Er zieht ebenfalls Vergleiche zu einem Raubtier, das sich an seine Beute pirscht. Da Psychopathen für gewöhnlich ihre anderen Aufgaben vernachlässigen (wie z. B. ihren Beruf und ihre Familie) und keine Spur von Gewissensbissen haben, können sie sich verstärkter auf das Verfolgen eines bestimmten Zieles konzentrieren, als dies liebevolle Männer mit einem geregelten Alltag könnten. Dies gilt insbesondere dann, wenn ihre Zielperson eine aufregende Herausforderung darstellt, wenn sie beispielsweise reich oder berühmt, oder mit einem anderen Mann verheiratet ist, wodurch ihr Wettbewerbstrieb eingeschaltet wird. Diese zielstrebige Schwärmerei ist jedoch, so wie sämtliche ihrer Protoemotionen, oberflächlich und kurzlebig. Da bei Psychopathen eine derartige Besessenheit nicht zu echter Freundschaft, Fürsorge oder Liebe führt, distanzieren sie sich, sobald sie das erreicht haben, was sie von dieser Person wollten, was vielleicht nur die Eroberung selbst gewesen sein mag.

8) Selbstliebe (eine gewisse Art). Da sich Psychopathen nur um sich selbst scheren, könnte man glauben, dass Selbstliebe die eine Emotion ist, die sie auf einer tieferen Ebene erfahren können. Dies ist gewissermassen auch der Fall, da ihr ganzes Leben sich um das alleinige Verfolgen eigennütziger Ziele dreht. Doch genau das macht die Selbstliebe der Psychopathen auch zu einer gleich seichten Angelegenheit wie all ihre anderen Emotionen. Im gleichen Masse, in dem sie unfähig sind, die langfristigen Interessen einer anderen Person zu berücksichtigen, sind sie unfähig, ihre eigenen Interessen zu berücksichtigen. Dadurch, dass sie flüchtigen Vergnügen und momentanen Launen nachgehen, sabotieren Psychopathen auch ihr eigenes Leben. Nur selten führen sie irgendwann ein glückliches oder erfolgreiches Leben. Sie verbringen ihr gesamtes Leben damit, diejenigen zu verletzen und zu hintergehen, die sie liebten und die ihnen vertrauten, ihre Partner zu benutzen und wegzuwerfen, Erwartungen ihrer Familien, Freunde, Vorgesetzten und Kollegen zu enttäuschen und von einer bedeutungslosen Ablenkung zur nächsten überzugehen. Am Ende gehen die meisten von ihnen leer aus und sind allein.

9) VERACHTUNG. Ich habe das Wort in Grossbuchstaben geschrieben, da diese Emotion die gesamte Identität und die Sichtweise des Psychopathen hinsichtlich anderer Menschen bestimmt. Egal wie charmant, umsichtig und freundlich sie nach aussen hin erscheinen mögen, alle Psychopathen sind innerlich Menschenfeinde. Die zentrale Emotion eines Psychopathen ist Verachtung für die Personen, die er täuscht, benutzt und missbraucht, sowie für die Menschheit insgesamt. Man kann die Verachtung, die dem Psychopathen zugrunde liegt, weitaus einfacher bestimmen, sobald man von ihm nicht mehr gebraucht wird oder sein Schein einer vernünftigen Person (seine Maske der Normalität) nicht mehr intakt ist. Wie wir gesehen haben, geben Psychopathen viel auf sich selbst und wenig auf andere. Zur genaueren Beschreibung der von ihnen konstruierten Hierarchien möchte ich an dieser Stelle eine Analogie aus meinem Studium der Literatur anbringen. Ich habe während der Blütezeit von Jacques Derridas Dekonstruktion vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Dies war eine Zeit, in der seine Theorien auf fast alles angewandt wurden: Kulturwissenschaft, Geschlechterhierarchien, Beziehungen zwischen den Rassen, Postkolonialismus und das Spülbecken.

Wenngleich eine Betrachtungsweise des Lebens, die auf „unbestimmten“ binären Hierarchien basiert, sich nur als wenig hilfreich herausgestellt hat, beschreibt dieses polarisierte Weltbild die Gedankenwelt der Psychopathen dennoch besonders treffend. Für solche gestörten, narzisstischen und gewissenlosen Individuen ist die Welt aufgeteilt in Überlegene (sie selbst) und Minderwertige (alle anderen); in Raubtiere (sie selbst) und Beute (ihre Ziele); in Betrüger (sie selbst) und Betrogene (die Verlierer). Natürlich würde nur eine Lobotomie diese binären Hierarchien in ihren Köpfen umdrehen. Derridas Modell der Dekonstruktion kann nur bis hierhin angewendet werden. Obwohl Psychopathen sich gegenüber anderen Menschen überlegen fühlen, unterscheiden sie bei den Menschen, die sie benutzen, manipulieren und betrügen zwischen verschiedenen Graden der Minderwertigkeit.

Die erbärmlichsten Betrogenen sind in ihren Augen diejenigen, die ohne jeden Zweifel glauben, dass der Psychopath der freundliche, ehrliche und rücksichtsvolle Mensch ist, der er zu sein scheint. Ganz im Sinne des Spruches: Wenn Sie mir das abkaufen, dann habe ich ein Grundstück direkt am Meer in Kansas für sie. Menschen dieses Schlags sind für Psychopathen keine sonderlich grosse Herausforderung. Sie werden von ihnen normalerweise schnell verbraucht und wieder weggeworfen. Die zweite Klasse von Betrogenen sind solche Menschen, die nur dann klar denken können, wenn der Psychopath andere Menschen schlecht behandelt, nicht sie selbst. Ehefrauen und Partnerinnen, die schlau genug sind, um zu realisieren, dass der Psychopath andere Menschen in seinem Leben betrügt, belügt, sie benutzt und manipuliert, jedoch eitel oder blind genug sind, zu glauben, dass sie die einzige Ausnahme von der Regel sind, machen den Grossteil dieser Gruppe aus.

Das erinnert mich an eine Folge einer beliebten Gerichtssendung, die ich vor kurzem sah. Eine Frau sagte als Zeugin für ihren Freund aus und attestierte ihm einen soliden und ehrlichen Charakter. Es stellte sich heraus, dass er seine Ehefrau mit ihr (und mit anderen Frauen) betrogen hatte. Diese Freundin verteidigte seinen Charakter dennoch vehement. Obwohl sie wusste, dass ihr Liebhaber ein Lügner und Betrüger war, hielt sie daran fest, dass er ihr gegenüber völlig treu und ehrlich gewesen sei, da sie so ein guter Fang sei und weil sie so eine besondere und einzigartige Beziehung hätten. Der Richter musste laut lachen und fügte dem hinzu: „… soweit Sie wissen!“

Als Ziel favorisiert er Frauen, die zynisch genug sind, um die schlechte Behandlung anderer Menschen zu realisieren, jedoch leichtgläubig genug, um nicht zu sehen, dass er ihnen genau dasselbe antut. Solche Frauen sind nicht derart naiv, dass sie keinerlei Herausforderung für den Psychopathen darstellen. Sie sind jedoch definitiv blind genug, um auf sein manipulatives Verhalten und seine Lügen hereinzufallen. Ein Psychopath wickelt mehrere solcher Frauen um seinen kleinen Finger. Diejenigen, die endlich die Misshandlung durch den Psychopathen als ein Anzeichen seiner bösartigen und verdorbenen Natur durchschauen, machen die dritte Klasse dieser Hierarchie aus. Hierbei handelt es sich für gewöhnlich um Frauen, die so schwer von dem Psychopathen enttäuscht wurden, dass sie denselben Fehler nicht nochmal begehen möchten.

Was sind Eure Erfahrungen?

Bitte schreibt hier nur Kommentare, die eine Verbindung zu obigem Artikel haben. Für andere Kommentare steht Euch das „Forum“ offen.

Veröffentlicht unter Claudia Moscovici, Psychopathie | Verschlagwortet mit , , , , , | 384 Kommentare

Blog-Pause

Aus persönlichen Gründen lege ich eine Blog-Pause ein. Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen; mir geht es gut. Ihr könnt weiterhin Kommentare posten. Allerdings sind die Kommentare im Moment unmoderiert. Danke für Euer reges Interesse, die Ermunterungen und das Schildern Eurer Erfahrungen.

Beste Wünsche an alle Leser und Kommentarschreiber!

Euer Mark

Hier noch ein paar Zeilen, die ich meinem sadistischen* Vater widmen möchte:

FAUST:
Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
Wo es sich allzu deutlich weist,
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heißt.
Nun gut, wer bist du denn?

MEPHISTOPHELES:
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.

Goethe, Faust I.

*Ein Teil der Psychopathen wird zu vollentwickelten Sadisten, und ein Teil der sadistischen Psychopathen wird zu Serienkillern.

Veröffentlicht unter Psychopathie | 23 Kommentare